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Harte Zeiten voraus | Journal21 - Journalistischer Mehrwert

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René Zeyer

Statt flackernde Blicke auf die Börsen ein Blick in die Zukunft

Von René Zeyer

An den Börsen geht es rauf und runter. An der Währungsfront auch. Begleitet wird das von wildem Geschrei und Gerate. Dabei geht vergessen: Die Zukunft wird grauenhaft.

Gehen die Börse runter und der Franken hoch, herrschen Panik und üble Laune. Ist es umgekehrt, hellen sich zuvor besorgte Mienen wieder auf und bricht Optimismus aus. Beides ist kurzsichtig und dumm. Denn weder die Börsen noch die Währungskurse haben etwas mit dem realen Zustand der Weltwirtschaft zu tun. Und den wirklichen Problemen, die auf uns zukommen. Darüber spricht und schreibt kaum jemand. Vielleicht, weil es zu deprimierend wäre.

Erstes Problem: Die Rentner

Es ist eigentlich verwunderlich, dass sich die zukünftigen Rentner nicht schon längst ein Beispiel an den marodierenden Jugendlichen in London genommen haben. Wohl nur deshalb, weil sie nicht zur Kenntnis nehmen wollen, dass in den letzten Jahren ihr angespartes Altersguthaben verröstet wurde. Denn ihre Vorsorgegroschen wurden grösstenteils in nie mehr zurückzahlbare Staatspapiere investiert. Es kann ja niemand ernsthaft hoffen, dass zu 100 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) verschuldete Staaten diese Last jemals begleichen können. Schlimmer noch: Da sind die sogenannten Sozialversprechen, also auch staatliche Renten, noch gar nicht eingerechnet. Tut man das, sind wir beim bis zu Siebenfachen des BIP angekommen. Da könnte nicht mal ein Wunder helfen. Eine ganze Generation von Rentnern wird verarmen und verelenden.

Zweites Problem: Das Gratisgeld

Die USA haben es zur Staatsdoktrin erhoben, dass in den nächsten Jahren Geld nichts kostet. Abgesehen von den bereits beschriebenen tödlichen Folgen für die Finanzwelt werden damit auch bislang stabile und aufstrebende Länder wie beispielsweise Brasilien überschwemmt. Und China, der zweitgrösste Gläubiger der USA, nach deren eigener Notenbank Fed wohlgemerkt, mahnt zwar den Pleitestaat USA mit scharfen Worten zu mehr Schuldendisziplin, ist aber wie jeder Gläubiger auf Gedeih und Verderb seinem Schuldner ausgeliefert. Denn was US-Schulden tatsächlich wert sind, das bestimmen die USA, nicht China. Und es gibt keine Theorien, die die Folgen beschreiben, wenn die Vereinigten Staaten ihre Schulden wegzuinflationieren beginnen. Einfach deshalb, weil solche gigantischen Dimensionen nicht fassbar sind.

Randproblem: Die Schweiz

In den Strudel mit hineingerissen werden selbst Staaten wie die Schweiz, die über eine solide Wirtschaft und ein ebensolches Staatshaushaltgebaren verfügen. Deutlichstes Merkmal davon ist der wild herumtanzende Franken. Dem nützt es nichts, dass er stabil und sicher ist, wenn die wichtigsten Währungen der Welt, Dollar und Euro, wurmstichig und hohl sind. Ob der Franken 1 zu 1 oder 1 zu 1.10 oder 1 zu 1.40 zum Euro steht, sind nur graduelle Unterschiede. Ein solch wildes Tanzen und Schaukeln hemmt die Investitionsbereitschaft in der Schweiz, und diese Folgen wird die Eidgenossenschaft so oder so zu spüren bekommen. Ob der Währungskrieg der Nationalbank gewonnen wird oder nicht. Denn sie kann höchstens Übertreibungen glätten, aber natürlich nicht das fundamentale Problem von Dollar und Euro lösen.

Drittes Problem: Der Niedergang der USA

Wir erlebten offensichtlich nur ein kurzfristiges Triumphieren der einzigen Super- und Ordnungsmacht der Welt, die nach dem Zerfall der UdSSR übrigblieb. Durch zwei unsinnige Kriege schwer angeschlagen, ohne wertschöpfende Industriebasis, dafür mit verrottender Infrastruktur, haben die USA zu lange über ihre Verhältnisse gelebt. Nicht nur der Zentralstaat, auch viele Bundesstaaten taumeln am Rande des Bankrotts, einige von ihnen sind bereits faktisch pleite und fahren ihre gesellschaftlichen Leistungen bis hin zur Strassenbeleuchtung oder Müllabfuhr auf Null herunter. Natürlich werden auch Schulen, Krankenhäuser und Polizeistationen geschlossen. Als internationale Ordnungs- oder Interventionsmacht fallen die USA in Zukunft aus.

Viertes Problem: Die Populisten

Wollen wir uns für einen Moment vorstellen, dass eine Sarah Palin oder eine Michele Bachmann als Präsidentin der USA die Macht hätten, mit einem Druck auf den roten Knopf die Welt in Schutt und Asche zu legen? Das wird vielleicht eine gewisse Restvernunft der Wähler noch verhindern. Aber es ist ja kein Zufall, dass obskure Bewegungen wie die Tea Party, demagogisch, populistisch und grenzdebil, dazu finanziert von obskuren Gestalten wie den Gebrüdern Koch, immer mehr an Einfluss gewinnen. So wie in Europa rechte Demagogen auf dem Vormarsch sind, von Norden bis Süden. Und obwohl es sie in dieser Form in der Schweiz (noch) nicht gibt, werden sie auch hier von einem als Biedermann verkleideten Brandstifter herzlich begrüsst: «Hoffen wir auf eine Tea-Party in Europa», sie sei «ein Segen für die USA», faselt dieser Amokschreiber. Es ist zu hoffen, dass die SVP doch zu intelligent ist, um diesen Ratschlag zu beherzigen.

Letztes Problem: Die Demokratie

Durch das völlig verantwortungslose Gehampel und Gestreite der Politiker in den USA und in Europa verlieren immer grössere Bevölkerungsschichten das Vertrauen in die Demokratie. Ein demontierter und führungsschwacher Obama, eine Ansammlung von nicht mal demokratisch legitimierten Eurokraten, die den Ereignissen hinterherhecheln, falsch und zu spät reagieren, während sie von der Finanzwelt vor sich hergetrieben werden, es ist ein Trauerspiel. Da wächst im Publikum der Wunsch nach einfachen Lösungen, einem starken Mann, einem Regime, das durchgreift und aufräumt. Dabei hilft auch eine zunehmende Entstaatlichung, selbst in Europa, weil die unter ihrer Schuldenlast fast zusammenbrechenden gesellschaftlichen Infrastrukturen immer mehr Gebiete der Anarchie, dem Faustrecht, im besten Fall der Selbstorganisation durch die Betroffenen freigeben.

Wo gibt es Hoffnung?

Das Zauberwort lautet immer: Wirtschaftswachstum. Aus der Krise raus, mehr Wertschöpfung, mit der auch der Staat seine Schulden und deren Zinsen bezahlen kann. Nur: In Europa, in den USA, in Japan sind nicht mal von Optimisten Anzeichen dafür am fernen Horizont erkennbar. Und wo die Strassenbeleuchtung und die Mühlabfuhr noch funktionieren, sagen sich Jung und Alt, Rentner und Arbeitnehmer, Banker und Politiker: Augen zu und durch, wird schon nicht so schlimm werden. Da haben sie recht. Es wird nicht schlimm werden. Es wird sehr wahrscheinlich noch viel schlimmer werden. Um einen alten Satz von Karl Kraus zu paraphrasieren: Es wird geschehen, was wir uns heute nicht vorstellen können. Und könnten wir es, es geschähe nicht.

Stop Coddling the Super-Rich - NYTimes.com

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We mega-rich should not continue to get extraordinary tax breaks while most Americans struggle to make ends meet.

Written by Warren Buffet

The splintering of the fourth estate

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The splintering of the fourth estate

Media organisations are trying various routes to the future – the Guardian's is firmly an open and collaborative one

Back in June, I was invited to speak in Amsterdam at a "Royal Symposium". It turned out I was sharing the platform with a writer on the media whom I had long admired, not least for his searching New York Review of Books essays on how the US press covered the war in Iraq – Michael Massing.

  1. • Previously on Cif: Alan Rusbridger asked readers for their thoughts about the fourth estate's future


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I did the best I could to describe the present state of the media as I saw it. Massing was much more original. He plunged straight into the media trends of the late 15th and early 16th centuries, a period when the old spiritual and cultural order dominated by the Roman Catholic church was breaking down and a new one was struggling to emerge.

With the invention of printing, books by the thousand were tumbling off the presses, and scholars were gripped by a kind of fever as they searched for new ideas about how to organise society. In tracts and treatises they furiously debated such issues as the nature of man, the powers of God, and the true path to salvation.

The historian John Man puts the Gutenberg revolution like this:

"Suddenly, in a historical eye-blink, scribes were redundant. One year, it took a month or two to produce a single copy of a book; the next, you could have 500 copies in a week. Hardly an aspect of life remained untouched … Gutenberg's invention made the soil from which sprang modern history, science, popular literature, the emergence of the nation-state, so much of everything by which we define modernity."

Massing is not the only writer to be fascinated by the parallels between that period and today's revolution in communication, which – in the opinion of many – is as great as that of Gutenberg. The difference today is that change is happening much faster – so fast that we are, as an industry, collectively suffering from what deep-sea divers refer to as the bends. We are travelling through a period of extreme change faster than our corporate bodies can cope with. It's painful – and, if not treated quickly and correctly, can be fatal.

I want to discuss the possibility that we are living at the end of a great arc of history, which began with the invention of moveable type. There have, of course, been other transformative steps in communication during that half millennium – the invention of the telegraph, or radio and television, for instance – but essentially they were continuations of an idea of communication that involved one person speaking to many.

That's not dead as an idea. But what's happening today – the mass ability to communicate with each other, without having to go through a traditional intermediary – is truly transformative.

It is a change that was only imaginable by previous generations. I recently reread the formative book Culture and Society by the great literary critic and cultural historian Raymond Williams, written a little over 50 years ago. This is what he wrote in 1958:

"Much of what we call communication is, necessarily, no more in itself, than transmission; that is to say, a one-way sending. Reception and response, which complete communication, depend on other factors …"

That is the revolutionary change we are living through today – this transformation from transmission to communication. Williams would have added another significant difference: a move from impersonal media – which was what print was – to personal.

Many of us who grew up in the world of transmission face the existential question of whether we can stay in business doing transmission alone. That is the profound question that lies behind attempts to wall off, or sell, our content – or the contrary instinct to seek to embed it as centrally as possible in the new ways in which information, response and counter-response are developing.

Before I discuss what this digital revolution means, I want briefly to step back and look at the effect it is having on the overall media ecology.

It's always been a given that the business we journalists are in is not quite like other businesses. What it does matters too much. That's why it has sometimes rather grandly been called the fourth estate – a part of society as important as government, the courts or the church. Some would say more so.

Virtually every adult over the age of 30 grew up with the idea that the fourth estate consisted of just two parts – press and broadcasting. Each was owned, financed and regulated in different ways and each gave rise to different ideas of what journalism was.

The privately owned press was, in general, more opinionated, partisan, politically engaged and lightly regulated, if at all. Broadcasting – whether publicly financed or commercial – usually came with the requirement that it strove for impartiality. It had an obligation to reflect all parts of the political spectrum and special duties to cover news that, left to the market alone, wouldn't be covered.

There was much to cherish in the balances and tensions inherent in this duopoly. A reader or viewer could measure the message of one medium against the other. There was the tent peg of attempted impartiality by which to measure the wild west of the printed word.

But now there's a new kid on the block. A third wing to the fourth estate, if that's not too mixed a metaphor. You could even argue there are two new kids on the block – the original world wide web (essentially another form of transmission) and web 2.0, the advent and rapid maturing of so-called social, or open, media. No one owns the digital space and it is barely regulated. It brings with it an entirely new idea of what journalism is – indeed, for some, it calls into question whether there is any such distinct thing as "journalism", a theme I tried to tackle in my Cudlipp lecture in January this year.

This double revolution within just over 20 years is having a dramatic effect on the accepted norms and categorisations of information. We are seeing the splintering of the fourth estate.

Digital is biting most fiercely on the press, if only because we have somehow to earn our own living (I will qualify that in a moment) and don't enjoy the sheltered protection of licence fees or government funding.

As digital eats into the press, so the press has turned its fire on public broadcasters, imagining that if only they went away, everything in the garden would once more come out in bloom. And so the balance between these three separate ideas of journalism begins to teeter.

Before looking at these digital forces in close-up I do want to touch on the tenuous nature of the present balance and ask whether the status quo can – or should – hold in its present form.

We all know that digital forces are threatening to weaken, or even destroy, the traditional basis, role and funding of the press. And we know that digital enables everyone to disrupt everyone else's business. Text publishers can get into moving pictures and the broadcasters can get into text. It was only a matter of time before it would seem overwhelmingly obvious – and economically irresistible – for people to converge, consolidate and integrate.

But before we rush to sweep away the differentiation that exists at the moment, just pause to consider the virtues of the present balance.

Because the press is what it is – magnificently opinionated and partisan – it has pretty unfettered licence to attempt to set the narrative about its bedfellows in the media. And the dominant narrative about publicly funded broadcasting, in the UK, at least, is not a flattering one.

Other than BP, Royal Bank of Scotland or the Church of Scientology, it's hard to think of a large organisation that has routinely had such a hostile press as the BBC has recently had.

It's not simply its size, or the way it's run, that is criticised (sometimes with good reason), it is the very idea of public service broadcasting that is being questioned. Some have even gone as far as claiming that public funding turns public broadcasters into Orwellian merchants of propaganda; that the BBC resembles the dying embers of 1970s-style centralised, industrialised planning. That it spouts a paternalistic "we-know-best" view of knowledge.

Whenever I feel doubts creeping in, I put aside the newspapers and look at the iPlayer – that extraordinary device for playing and replaying BBC content. There you find a richness of programming that could never be provided by any form of market funding. It is exactly what an open space of publicly available information should look like – a richness of learning about science, history, technology, parenting, business, economics, food, music, the environment, physics, religion, ethics and politics – all within one week.

That's before we even get on to drama, comedy or sport. Or radio. Or the BBC's web pages, its orchestras or the World Service. Or the programmes it makes for the regions, for the hard of hearing, the partially sighted or for children. And then there's its news, with the kind of global coverage that comes from its unique network of 200 foreign correspondents.

It's news of a rare quality – serious news that's inquiring and challenging; news that's balanced and fair; news that reveals things and places them in context; news that's international in scope; news that's useful, news that opens your mind and helps your understanding; news that is transparent in its ethical standards and processes of self-criticism. The BBC is still the finest news operation in the world. How does it do it? Through subsidy.

Now subsidy also gets a bad press. But, in reality, few of us are in a good position to ridicule subsidy.

The American essayist Walter Lippmann, in his famous 1922 book, Public Opinion, made it plain that the press could not live without the subsidy of advertising.

He wrote of the reader:

"Nobody thinks for a moment that he ought to pay for his newspaper … The citizen will pay for his telephone, his railroad rides, his motor car, his entertainment. But he does not pay openly for his news … He will, however, pay handsomely for the privilege of having someone read about him. He will pay directly to advertise … The public pays for the press, but only when the payment is concealed."

In the middle of all the turmoil we're living through, it's clear that the subsidy model of serious general journalism is – with one or two exceptions – the only one that actually works at the moment. That subsidy may be a trust, an oligarch, a patriarch, a billionaire, a sister company, a licence fee, an income direct from public revenue … or an advertiser.

In the turbulence of the coming years – when, as the new media academic Clay Shirky puts it, the "old model is breaking faster than the new stuff gets put in place" – all media may come to rely on some form of medium-term subsidy. If you include advertising, then all media are members of what some like to call the "subsidariat". We are fooling ourselves if we expect people to meet the real, direct cost of providing the news.

But, looking forward into the eye of the unknowable digital storm, it seems to me rather reckless to propose dismantling or hobbling the one model of funding for traditional media that has any kind of predictability about it.

What about the press? That the idea of public broadcasting – one of the glories of modern civilisation – could be so vigorously challenged leads to another attempt to overturn an idea that, until recently, was a given: that there should be a plurality of ownership of the main forms of media.

I'm not going to labour this point, because it's quite a simple one to grasp, even if it's a hard one to articulate in law. The 1949 Royal Commission on the press didn't waste more than a few paragraphs on the subject: I'm guessing they didn't feel the principle needed much explanation.

Indeed, it is a sign of the current turmoil that one should have to argue a case that, at any other time in history, would have seemed too obvious to make. Too great a concentration of ownership in the media has always been considered a bad idea, whether you were on the right or the left.

But the revolution we're talking about is changing all that. It seems self-evident to some that a combination of fierce economic pressures and an ever greater convergence of text, data and moving pictures leads to one obvious solution: consolidation. Consolidation also brings economies of scale. If regulatory regimes can't handle that, well, get rid of the regulators, goes the argument.

The economic and technological arguments are serious ones, but if they prevail we will – soon – see more and more power and influence concentrated in fewer and fewer hands.

The consolidators will argue that the digital space is itself part of the new plurality. And here, too, they have a point – though many would argue that we're not yet at the moment when digital has the same kind of weight as a few concentrated voices.

But if it seems obvious that media plurality is not just a nice-to-have, but a vital cornerstone of democracy, shouldn't it be the starting point for the public policy debate, rather than sliding in behind the business, economic, managerial or technological arguments?

In the UK the most immediate pressures are being felt in the local press, where there has already been much consolidation over the years.

And, of course, most topically, there is the prospect of a merger between a wholly owned BSkyB and the four newspaper titles owned by News Corp. That would give one company control of nearly 40% of Britain's press as well as a broadcaster with nearly £6bn in revenues compared with the £3.5bn licence fee of the BBC.

Now, I realise that even raising this question immediately translates, in the minds of some, into an argument about Rupert Murdoch. It's not. There's no one I would want to have that much power. Not the Scott Trust, not the BBC, not Arthur Sulzberger, not the moderator of the general assembly of the Church of Scotland. Not even the saintly David Attenborough.

But, as it happens, the events of the past year or so, in the aftermath of revelations of phone hacking at the News of the World, do illustrate the nature of the problem.

They raise questions that are not so much about the hacking, troubling as those are, but about how other forces in society – whether it is other media organisations, the police, the regulator or parliament itself – behave when faced with the muscle of a very large, very powerful and sometimes very aggressive media group, especially one that is keenly interested in exerting political influence and expressing powerful views on how media regulation should operate.

Something is dangerously out of kilter when elected members of parliament confess – as they recently have – that they have held back from probing into, or criticising, one particular media company for fear of what that company might do to them. Or when that company's former employees – who know what went on and also what the company is capable of – are too frightened to speak publicly about what they know.

Knowing of the chilling effect one large media company can have on public life and institutions, how could it be good public policy to allow a still greater concentration of power across not just one wing of the fourth estate, but two? You can devise all kinds of metrics of reach, engagement and come up with any number of definitions of what constitutes a market in order to justify it – and, believe me, people will – but it would still feel wrong.

That's why newspapers and broadcasters in the UK have for the first time in history come together to oppose the move and why, in a recent House of Lords debate inspired by David Puttnam, virtually every speaker also lined up against it.

As Lord Gavron said in the debate, this strength of feeling was not motivated by a knee-jerk prejudice against the name Murdoch. He actually praised Rupert Murdoch from personal knowledge as being "straight, loyal and honourable". But he warned that, if the government allowed this deal through, "we could end up with a Russian oligarch, an Arab prince, or a hedge fund billionaire" in a similar position of control.

And now to the third sphere, the one that's causing all the trouble.

The digital space is – without going into complex arguments about net neutrality – owned and regulated by no one. So it is a very different type of medium from the two I've discussed so far.

It's developing so fast, we forget how new it all is. It's totally understandable that those of us with at least one leg in traditional media should be impatient to understand the business model that will enable us magically to transform ourselves into digital businesses and continue to earn the revenues we enjoyed before the invention of the web, never mind the bewildering disruption of web 2.0.

But first we have to understand what we're up against. It is constantly surprising to me how people in positions of influence in the media find it difficult to look outside the frame of their own medium and look at what this animal called social, or open, media does. How it currently behaves, what it is capable of doing in the future.

On one level there is no great mystery about web 2.0. It's about the fact that other people like doing what we journalists do. We like creating things – words, pictures, films, graphics – and publishing them. So, it turns out, does everyone else.

For 500 years since Gutenberg they couldn't; now they can. In fact, they can do much more than we ever could.

All this has happened in the blink of an eye. That's one problem – the rapidity of the revolution, the bends – and the other is that we journalists find it difficult to look at what's happening around us and relate it to what we have historically done. Most of these digital upstarts don't look like media companies. EBay? It buys and sells stuff. Amazon? The same. TripAdvisor? It's flogging holidays. Facebook? It's where teenagers post all the stuff that will make them unemployable later in life.

If that's all we see when we look at those websites then we're missing the picture. Very early on I forced all senior Guardian editors on to Facebook to understand for themselves how these new ways of creativity and connection worked. EBay can teach us how to handle the kind of reputational and identity issues we're all coming to terms with our readers. Amazon or TripAdvisor can reveal the power of peer review.

We should understand what Tumblr or Flipboard or Twitter are all about – social media so new they're not even yet Hollywood blockbusters.

I've lost count of the times people – including a surprising number of colleagues in media companies – roll their eyes at the mention of Twitter. "No time for it," they say. "Inane stuff about what twits are having for breakfast. Nothing to do with the news business."

Well, yes and no. Inanity – yes, sure, plenty of it. But saying that Twitter has got nothing to do with the news business is about as misguided as you could be.

Here, off the top of my head, are 15 things that Twitter does rather effectively and which should be of the deepest interest to anyone involved in the media at any level.

1. It's an amazing form of distribution

It's a highly effective way of spreading ideas, information and content. Don't be distracted by the 140-character limit. A lot of the best tweets are links. It's instantaneous. Its reach can be immensely far and wide. Why does this matter? Because we do distribution too. We're now competing with a medium that can do many things incomparably faster than we can. It's back to the battle between scribes and movable type. That matters in journalistic terms. And, if you're trying to charge for content, it matters in business terms. The life expectancy of much exclusive information can now be measured in minutes, if not in seconds. That has profound implications for our economic model, never mind the journalism.

2. It's where things happen first

Not all things. News organisations still break lots of news. But, increasingly, news happens first on Twitter. If you're a regular Twitter user, even if you're in the news business and have access to the wires, the chances are that you'll check out many rumours of breaking news on Twitter first. There are millions of human monitors out there who will pick up on the smallest things and who have the same instincts as the agencies – to be the first with the news. As more people join, the better it will get.

3. As a search engine, it rivals Google

Many people still don't quite understand that Twitter is, in some respects, better than Google in finding stuff out. Google is limited to using algorithms to ferret out information in the unlikeliest hidden corners of the web. Twitter goes one stage further – harnessing the mass capabilities of human intelligence to the power of millions in order to find information that is new, valuable, relevant or entertaining.

4. It's a formidable aggregation tool

You set Twitter to search out information on any subject you want and it will often bring you the best information there is. It becomes your personalised news feed. If you are following the most interesting people they will in all likelihood bring you the most interesting information. In other words, it's not simply you searching. You can sit back and let other people you admire or respect go out searching and gathering for you. Again, no news organisation could possibly aim to match, or beat, the combined power of all those worker bees collecting information and disseminating it.

5. It's a great reporting tool

Many of the best reporters are now habitually using Twitter as an aid to finding information. This can be simple requests for knowledge that other people already know, have to hand, or can easily find. The so-called wisdom of crowds comes into play: the "they know more than we do" theory. Or you're simply in a hurry and know that someone out there will know the answer quickly. Or it can be reporters using Twitter to find witnesses to specific events – people who were in the right place at the right time, but would otherwise be hard to find.

6. It's a fantastic form of marketing

You've written your piece or blog. You may well have involved others in the researching of it. Now you can let them all know it's there, so that they come to your site. You alert your community of followers. In marketing speak, it drives traffic and it drives engagement. If they like what they read they'll tell others about it. If they really like it, it will, as they say, "go viral". I only have 18,500 followers. But if I get retweeted by one of our columnists, Charlie Brooker, I reach a further 200,000. If Guardian Technology picks it up it goes to an audience of 1.6 million. If Stephen Fry notices it, it's global.

7. It's a series of common conversations

Or it can be. As well as reading what you've written and spreading the word, people can respond. They can agree or disagree or denounce it. They can blog elsewhere and link to it. There's nothing worse than writing or broadcasting something to no reaction at all. With Twitter you get an instant reaction. It's not transmission, it's communication. It's the ability to share and discuss with scores, or hundreds, or thousands of people in real time. Twitter can be fragmented. It can be the opposite of fragmentation. It's a parallel universe of common conversations.

8. It's more diverse

Traditional media allowed a few voices in. Twitter allows anyone.

9. It changes the tone of writing

A good conversation involves listening as well as talking. You will want to listen as well as talk. You will want to engage and be entertaining. There is, obviously, more brevity on Twitter. There's more humour. More mixing of comment with fact. It's more personal. The elevated platform on which journalists sometimes liked to think they were sitting is kicked away on Twitter. Journalists are fast learners. They start writing differently.

Talking of which …

10. It's a level playing field

A recognised "name" may initially attract followers in reasonable numbers. But if they have nothing interesting to say they will talk into an empty room. The energy in Twitter gathers around people who can say things crisply and entertainingly, even though they may be "unknown". They may speak to a small audience, but if they say interesting things they may well be republished numerous times and the exponential pace of those re-transmissions can, in time, dwarf the audience of the so-called big names. Shock news: sometimes the people formerly known as readers can write snappier headlines and copy than journalists can.

11. It has different news values

People on Twitter quite often have an entirely different sense of what is and what isn't news. What seems obvious to journalists in terms of the choices we make is quite often markedly different from how others see it – both in terms of the things we choose to cover and the things we ignore. The power of tens of thousands of people articulating those different choices can wash back into newsrooms and affect what editors choose to cover. We can ignore that, of course. But should we?

12. It has a long attention span

The opposite is usually argued – that Twitter is simply an instant, highly condensed stream of consciousness. The perfect medium for goldfish. But set your TweetDeck to follow a particular keyword or issue or subject and you may well find that the attention span of Twitter users puts newspapers to shame. They will be ferreting out and aggregating information on the issues that concern them long after the caravan of professional journalists has moved on.

13. It creates communities

Or, rather, communities form themselves around particular issues, people, events, artefacts, cultures, ideas, subjects or geographies. They may be temporary communities or long-terms ones, strong ones or weak ones. But they are recognisably communities.

14. It changes notions of authority

Instead of waiting to receive the "expert" opinions of others – mostly us journalists – Twitter shifts the balance to so-called "peer to peer" authority. It's not that Twitterers ignore what we say – on the contrary (see distribution and marketing, above) they are becoming our most effective transmitters and responders. But, equally, we kid ourselves if we think there isn't another force in play here – that a 21-year-old student is quite likely to be more drawn to the opinions and preferences of people who look and talk like her. Or a 31-year-old mother of young toddlers. Or a 41-year-old bloke passionate about politics and the rock music of his youth.

15. It is an agent of change

As this ability of people to combine around issues and to articulate them grows, so it will have increasing effect on people in authority. Companies are already learning to respect, even fear, the power of collaborative media. Increasingly, social media will challenge conventional politics and, for instance, the laws relating to expression and speech.

Now you could write a further list of things that are irritating about the way people use Twitter. It's not good at complexity – though it can link to complexity. It can be frustratingly reductive. It doesn't do what investigative reporters or war correspondents do. It doesn't, of itself, verify facts. It can be distracting, indiscriminate and overwhelming.

Moreover, I'm simply using Twitter as one example of the power of open, or social, media. Twitter may go the way of other, now forgotten, flashes in the digital pan. The downside of Twitter also means that the full weight of the world's attention can fall on a single unstable piece of information. But we can be sure that the motivating idea behind these forms of open media isn't going away and that, if we are blind to their capabilities, we will be making a very serious mistake, both in terms of our journalism and the economics of our business.

We can now glimpse better what Raymond Williams was anticipating when he wrote about what he thought of as true communication 60 odd years ago. For him it meant what he called "active reception and living response". For that to exist, he thought, you needed "an effective community of experience" and a "recognition of practical equality". Indeed, Williams thought we couldn't survive as a common culture without such a mechanism.

Of course, social media is not enough on its own. I'm not in any way trying to elevate it above traditional media. We should be pleased, not resentful, that Twitter is in some measure parasitical – that many of the referrals and links take people to so-called legacy-media companies, who still invest in original reporting, who still confront authority, find things out, give context and explain.

But I do believe we should be relentless in learning all we can about how people are using this post-Gutenberg ability to create and share – and import those lessons back into our own journalism and businesses. It's not about all rushing to be on Twitter. We can make our own media collaborative and open, too.

Distribution, breaking news and aggregation? At the Guardian and Observer we have more than 450 people on Twitter, together with 70 different single-subject sites or section feeds. Our journalists are out there, reaching a different audience from the core Guardian readership, seeking help, ideas, feedback, joining in the common conversations.

Reporters use open media as a way of finding sources, communities and audiences. The notion of a story – with a finite starting and finishing point – is changing. Liveblogging can bring audiences of millions around specific events. Linking allows you to place your journalism at the heart of issues, news and information.

Instead of trying to write everything ourselves we're increasingly a platform as well as a publisher. It started with Comment is free in 2006. Soon our cultural coverage will be just as open and collaborative. We've done it with our network of environmental and science blogs: traffic on the former has risen by 800% since the start of the year. We benefit from expert content and increased audiences. They share the revenue. We can trace the beginnings of a virtuous circle.

We harness readers in our shoe-leather investigations, whether it's hunting down tax avoidance; or tracing people who may have digital records of police assaults; or enlisting 27,000 readers to sift through 400,000 records of MPs' expenses; or alerting readers to super-injunctions that stop us telling them things.

Guess what? The readers love to be involved. They, too, like being critics, commentators and photographers. They love helping to defeat injunctions and being asked to share their particular knowledge or pool their expertise. You harbour a feeling that some of the stuff they create is poor? I agree. Let's learn from eBay about reputations, ranking and identity.

We're experimenting with open data and open APIs. We want to experiment distributing our content to where the audiences are – preferably with advertising attached. Some of the more radical ideas will work, some won't. But a failure to experiment is more dangerous than trying new things.

This open and collaborative future for journalism – I have tried the word "mutualised" to describe something of the flavour of the relationship this new journalism has with our readers and sources and advertisers – is already looking different from the journalism that went before. The more we can involve others the more they will be engaged participants in the future, rather than observers or, worse, former readers. That's not theory. It's working now.

And, yes, we'll charge for some of this – as we have in the past – while keeping the majority of it open. My commercial colleagues at the Guardian firmly believe that our mutualised approach is opening up options for making money, not closing them down.

I won't criticise people who want to try a different path. You can't preach plurality and argue for a single model of journalism or against attempts to find alternative ways of financing what we do.

I've always argued it's a good thing that different organisations are trying different routes to the future. And the models that are currently emerging are very different.

Our web traffic last month averaged just over 2 million unique browsers a day. One independent company which measured the Times's UK web audience during September found that their web traffic – not including iPad apps – had fallen by 98% as people progressed past the paywall.

More sophisticated analysts than me calculate that the content behind the paywall is therefore generating a total global audience of about 54,000 a month, of whom about 28,000 are paying for the digital content (the remainder being print subscribers).

That's not a criticism of the Times: that path may well make sense for how they see the future. The jury on the relative financial models for different approaches will remain out for a while yet. But these comparative figures point to completely different ideas of scale, reach, audience, engagement, ambition… and of journalism itself.

So that is a very brief tour around this splintered fourth estate.

I suspect we would never invent the BBC today – the spirit of the age is against it. The issues about plurality are complex. When things are threatening to disintegrate it needs the greatest wisdom to know how and when to intervene both to enable change while preserving what's precious – or, more than that, necessary.

As for digital, I am with the utopians – fully aware that some see that as a term of abuse. To quote one blogger, the social web is not really about the end of what came before, but the starting point for what comes next: richer and more complex societies. I am sometimes giddy with the possibilities new technologies offer us for being better journalists: for reaching even larger audiences; for having more influence; for being embedded in the most astonishing network of information the world has ever seen or could ever have imagined.

As with the early 16th century, it's our privilege, as a generation, not only to imagine the future of information, but to take the first steps on the road to recrafting the ways in which it is created and spread.

As the great editor, CP Scott, wrote about the technological changes in the air when the Guardian celebrated its first 100 years in 1921: "What a change for the world! What a chance for the newspaper!"

This is an edited transcript of the Andrew Olle lecture 2010 given by Alan Rusbridger in Sydney, Australia on 19 November

Evolution des Menschen: Das Stück Neandertaler in jedem von uns

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Evolution des Menschen

Das Stück Neandertaler in jedem von uns

Er war doch unser Vorfahr: Erstmals haben Forscher das Genom des Neandertalers mit dem menschlichen Erbgut verglichen. Es zeigt, wie viel des Frühmenschen noch in uns steckt.

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Europäer und Ostasiaten haben einiges mit dem Neandertaler gemeinsam – die Afrikaner dagegen überraschender Weise nicht

Er kann sich die Freude nicht verkneifen. "Das ist eine absolute wissenschaftliche Sensation", sagt der Archäologe Ralf Schmitz von der Uni Bonn. Auch wenn man mit solchen Aussagen in der Wissenschaft vorsichtig sein muss – dieses Mal scheint die Euphorie berechtigt. Zum ersten Mal hat ein internationales Forscherteam das mehr als vier Milliarden Buchstaben zählende Genom des Neandertalers mit den Erbgutsequenzen des modernen Menschen verglichen. 

"Wir kratzen zwar noch an der Oberfläche", sagt Richard Green von der kalifornischen Universität in Santa Cruz, wie Schmitz einer der zahlreichen Autoren der aktuellen Studie. Das Neandertaler-Genom sei jedoch eine Goldmine voller Informationen über die jüngere menschliche Evolution. "Und sie wird in den nächsten Jahren weiter und weiter ausgeschöpft werden." Was das Team aus Genetikern, Frühmenschenforschern, Archäologen und weiteren Spezialisten nun im Magazin Science veröffentlicht, sind die ersten Einblicke in diese Schatzkammer aus Basenpaaren und DNA-Abschnitten.

"All jene von uns, die außerhalb Afrikas leben, tragen ein kleines bisschen Neandertaler in sich", sagt Svante Pääbo vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie, der an der Arbeit maßgeblich beteiligt ist und 1985 einen neue Archäologie begründete. Pääbo war der erste, der mit gentechnischen Methoden das Erbgut mumifizierter Leichen untersuchte.

2006 kündigte er an, das Neandertaler-Genom entschlüsseln zu wollen, und versetzte die Vetreter seiner Disziplin in ungläubige Aufregung. 2008 gab Pääbo bekannt, dass das Genom unseres engsten ausgestorbenen Verwandten sequenziert sei – zu 60 Prozent. Zwei Jahre später legt er nun zwar ein noch fehlerhaftes Genom vor, allerdings mit ersten handfesten Ergebnissen.

Denn anders als bislang vermutet, sind sich der Neandertaler und der moderne Mensch nicht nur begegnet, sondern haben wohl auch Kinder miteinander gezeugt. "Beide haben sich wahrscheinlich vermischt, ehe sich Homo sapiens in Europa und Asien in verschiedene Gruppen aufspaltete", sagt Pääbo. Fossile Überreste, die Archäologen im Nahen Osten entdeckt haben, legen nahe, dass sowohl Homo sapiens als auch Homo neanderthalensis vor 100.000 bis 50.000 Jahren hier gelebt haben.

Allerdings stammen nach ersten Berechnungen nur ein bis vier Prozent der DNA des Menschen vom Neandertaler. "Das Signal ist sehr spärlich über das gesamte Genom verteilt, es ist nur eine Art Brotkrummenspur dessen, was in der Vergangenheit geschah", sagt der Genetiker Green. Ob der Neandertaler uns allerdings besondere genetische Eigenschaften vermacht hat, weiß man bisher nicht.

Seit Jahrzehnten gibt der Neandertaler Paläoanthroplogen immer neue Rätsel auf. Selbst Pääbo und sein Team waren bislang überzeugt, dass der Frühmensch nur ein entfernter Verwandter von uns ist. Schließlich fand Pääbo 2006 heraus, dass sich das Erbgut in den Mitochondrien, den Energiefabriken jeder Zelle, bei Mensch und Neandertaler stark unterscheiden. Es schien klar, dass sich die Arten nicht vermischt hatten. Dies ist nun wieder fraglich. "Wie beide Völker sich kulturell ausgetauscht haben, dazu kann man kaum sinnvoll spekulieren", sagt Green. "Aber zu wissen, dass es hier einen Genfluss gegeben hat, ist wichtig, und es ist faszinierend darüber nachzudenken, wie er zustande kam."

  • Auf den Spuren des Menschen
  • 2.000.000 bis 500.000 Jahre
  • 160.000 bis heute

Gewiss hingegen ist, dass der Neandertaler rund 200.000 Jahre auf der Erde lebte. Seine Spuren finden sich überall im heutigen Europa, von der Iberischen Halbinsel, bis nach Frankreich, über das Neandertal bei Düsseldorf bis hinein in den Kaukasus, das westliche Asien und den Orient. Eine Genanalyse fossiler Überreste, die Pääbo und sein Team 2007 veröffentlichten, zeigt sogar, dass der Neandertaler selbst das Altai-Gebirge im Süden Sibiriens erreicht hat.

Doch vieles ist unbekannt über den Urzeitbewohner. Niemand weiß, ob er sprechen konnte oder wie sein Alltag genau ausgesehen hat. Das Ende seiner Ära besiegelte schließlich der aus Afrika nach Europa kommende . Nachdem es zu dem ein oder anderen Techtelmechtel zwischen den Menschenarten kam, hörte der Neandertaler vor rund 30.000 Jahren auf zu existieren.

Nicht alle heutigen Menschen tragen Überreste der Frühmenschen-DNA in sich. Das zeigen die Genomvergleiche, die Pääbo und seine Kollegen angestellt haben. Dabei griffen die Forscher nicht nur auf die bereits bekannten genetischen Codes des Menschen und des Schimpansen zurück. Sie sequenzierten auch das Erbgut von fünf heute lebenden Personen aus verschieden Teilen der Erde. "Wir wollten das Neandertaler-Genom mit dem Erbgut heutiger Menschen erstmals unverfälscht vergleichen", sagt Pääbo.

Vieles, was man bislang über Abweichungen und Schwankungen im genetischen Code des Menschen weiß, stammt aus Studien mit Europäern. Deswegen wurden die DNA-Sequenzen eines San-Afrikaners, eines Afrikaners vom Stamm der Yoruba, eines Menschen aus Papua-Neuguinea, eines Franzosen und eines Han-Chinesen ebenfalls ermittelt.

 
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Printmedien - Rettet sie, die Alte Tante!

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Printmedien

Rettet sie, die Alte Tante!

Die "Neue Zürcher Zeitung" ist in Not. Daniele Muscionico arbeitete 18 Jahre lang fürs Weltblatt. Sie berichtet vom Niedergang einer Schweizer Institution.

Man betritt die Neue Zürcher Zeitung, um die Urne abzuholen. Die letzten Rest der Alten Tante, die Erinnerung. Die Eingangshalle ist leer, weiß, geruchlos. Ein schönes Bestattungsinstitut. Der Gang zum Empfang dauert ewig. Die Damen lächeln, wie immer. So also geht alles zu Ende?

Sie lächeln nicht anders als damals, als sie noch Grund hatten. Die Empfangsdamen der NZZ sind, was ihre Freundlichkeit betrifft, unsterblich. Sie sind die Visitenkarte einer Institution, die dem Land bei den Mächtigen der Welt Ansehen eingetragen hat wie wenig andere Schweizer Erfindungen. Zum 200-jährigen Geburtstag der Zeitung 1980 kabelte der damalige Wirtschaftsminister der Bundesrepublik, Otto Graf Lambsdorff, Glückwünsche ins historische Gebäude neben der Zürcher Oper und anerkannte, sie sei für ihn »unverzichtbar«; Henry Kissinger nannte sie »eine der großen Zeitungen der Welt«. Und Historiker Golo Mann schrieb dem Geburtstagskind im Überschwang: »NZZ – ich liebe Dich.«

Damals war der Eingang der NZZ ein Nadelöhr. Er war eine nüchterne Schleuse, dazu da, beim Gast Erwartungen zu schüren auf das, was kommen würde. Ihr einziger Schmuck war eine Thorne-Setzmaschine von 1894, der erste eigene Setzapparat der Zeitung. 18 Jahre lang ging die Schreibende an ihr vorbei, als Kulturredaktorin der NZZ bis 2007. Und als sie, es mag 2002 gewesen sein, in den Gängen der Redaktion zum ersten Mal den Satz hörte: »Demnächst wird an dieser Maschine der Chefredaktor sitzen und die NZZ allein machen«, hielt sie das für üble Nachrede. Auf der Redaktion waren zwar die ersten Entlassungen ausgesprochen worden, ein Sakrileg, denn bisher durfte man sich hier für unkündbar halten. Doch immer noch war die Mehrheit von uns überzeugt, dass dieses Gehäuse ein Sonderfall sei in der Presselandschaft. Aber schon bald hörte man die bange Frage: »Gibt es ein Leben nach der NZZ? « Man stellte sie, hinter vorgehaltener Hand, in der hauseigenen Cafeteria, über den Köpfen ein Druck des Titelblatts der ersten Ausgabe vom 1.12.1780. Und die Antwort war klar: »Nein.«

Noch bis vor wenigen Jahren waren wir betört von der eigenen Bedeutsamkeit und von der unverrückbaren Position des Unternehmens, das unser geistiges Zuhause war. Dieses Haus wollte und würde man bis zum letzten Mann verteidigen. (Frauen? Sie waren an einer Hand abzuzählen, eine Marginalie und, bis auf eine Ausnahme, in unteren Chargen angestellt.) Man durfte vom Glauben an die Unverwundbarkeit der NZZ nicht ablassen; auch deshalb nicht, weil Kollegen anderer Medien unsere »geschützten Arbeitsplätze« stets milde belächelten. (Purer Neid, wussten wir und bezeichneten im Gegenzug das meiste, das andernorts in der Schweiz publiziert wurde, als Boulevard. NZZ, das stand für Neue Zürcher Zurückhaltung).

Das Wichtigste aber war: Hier genoss man das Privileg, für eine Zeitung zu arbeiten, in der der Journalist und nicht der Ressortleiter bestimmte, wie und wann man sein Kerngebiet ins Blatt bringen wollte. Kein Blattmacher, kein Koordinator, es herrschte Anarchie. Also bewahrte man noch im Sturm Haltung und blickte Hilfe suchend auf die Leistungen unserer Väter, die uns in der Ahnengalerie der Chefredaktoren jeden Tag ins Gewissen redeten; vom ersten bis zum letzten, vom Idyllenmaler und Idyllendichter Salomon Gessner (1780 bis 1783) bis zu Hugo Bütler (1985 bis 2006). Sie bedeuteten uns, dass wir anders seien als alle. Und, im besten Fall, besser. 

Doch nicht wenige von uns blickten nirgendwohin denn auf sich selbst, unsere ganze Aufmerksamkeit galt dem nächsten Artikel. Denn wir waren verunsichert, zumindest wir jüngeren Redaktorinnen. Und hatte man das Pech, unter Chefs zu arbeiten, die fraglos von blendender Fachkompetenz waren, doch von fragwürdiger Führungsqualität, konnte man als Frau zu hören bekommen: »Ich nehme dich erst ernst, wenn du ein Kleid trägst.« Nie hätte ich es gewagt, die Zulässigkeit dieser Aussage zu bezweifeln. Im Gegenteil, solche Urteile schlossen die Klammer zwischen mir und meinem Arbeitsplatz nur enger. Sie verstärkten die Angst um die Stelle und die Abhängigkeit von der NZZ. Denn wir Jungen ahnten, dass wir – die wir nicht Kant zitierten und nicht Arrau rezensierten – eine Lässlichkeit waren in den Augen der Großhumanisten des Hauses. Diese rügten noch im neuen Jahrtausend das Wort »Hype«; es musste ersetzt werden durch »künstliche Aufgeregtheit«. Selbstverständlich aber zitierte man ganze Passagen in Griechisch und Latein, dem Geist eines Hauses entsprechend, das auch mental an der Straße von Schiller und Goethe liegt. Und wie viele Fürstentümer hatten dort Platz! Jeder Ressortleiter ein Fürst.

Dabei hatte der Abstieg ins normale Leben längst begonnen. Das Unternehmen steckte, wie die meisten Medienhäuser, bereits tief in der Krise. Mit einem gefährlichen Unterschied. Die NZZ hatte in den vergangenen Jahren vom Eigenkapital gelebt, von der Substanz, der Marke und vom Nimbus. 2002 schrieb man einen Rekordverlust von 50 Millionen Franken, und an der Generalversammlung – die Zeitung gehört einer 1868 gegründeten Aktiengesellschaft – verzichteten die Aktionäre gegen den Antrag des Verwaltungsrates auf ihre Dividende. Wenigstens waren unsere Eigentümer noch auf unserer Seite; und es war gewiss undankbar von uns, sie hinter verschlossener Tür als »Greisen-Aktionariat« zu bezeichnen und die Generalversammlung, zu der wir eingeladen waren, als Treffen der Scheintoten. Wollte man unsere Aktionäre zufriedenstellen, als man 2005, zum 225-jährigen Jubiläum der Zeitung, Suppe servierte? Suppe für das Volk der Redaktoren-Bürger, die in einem riesigen Festzelt auf Zürichs größtem Platz, am Bellevue, mit Krankenkost satt werden sollten.

2010, zahlreiche Sparrunden und zahllose Entlassungen später, ist kein Stein mehr auf dem anderen geblieben. Die NZZ ist nicht mehr Herrin im eigenen Haus. Und das gilt im wörtlichen wie im bildlichen Sinn. Sie residiert zwar noch an ihrem Stammsitz, doch im straßenzugewandten, einträglichen Teil des Gebäudes ist sie Obermieterin eines Schuhgeschäfts, einer Konditorei und eines Restaurants. Die NZZ muss andere ihr Tafelsilber benutzen lassen, um selbst nicht zu verhungern. Dafür hat man nicht nur das Haupthaus, sondern vergangenes Jahr auch die Zeitung oberflächenpoliert: Der charakteristische Vierspalten-Umbruch wurde zugunsten eines beliebigen, fünfspaltigen aufgegeben, wie ihn auch die intern lange bekämpfte und bemäkelte Tochter, die NZZ am Sonntag, hat. Entscheidender aber ist: Der Verwaltungsrat (VR) hat dem »Kulturgut der Willensnation Schweiz« (Zitat aus der Unternehmensgeschichte 2005) einen CEO verordnet, womit die statutarisch fixierte Vorrangstellung der Publizistik aufgehoben ist. Der Premium-Titel wurde ins Glied gestellt mit lokalen und regionalen Zeitungen, die heute Teil sind der NZZ-Mediengruppe.

Das sorgte auf der Redaktion für Widerstand. Da die neue, vielköpfige Unternehmensleitung sich im Haupthaus eingerichtet hat, erleben die Journalisten eine »substanzielle Verdichtung am Arbeitsplatz«. Doch man begann sich zu solidarisieren, früher ein Tabu, und griff zur Selbstjustiz: Man startete das Unternehmen »Totenkopf«. An jedem gefährdeten Büro brachte man einen Totenschädel an. Die »Täter«, im Übrigen loyal bis auf die Knochen, sagen zu ihren internen Perspektiven: »Wir sind alle sehr bodenlos.« Und man glaubt: »Die Chefredaktion würde auf Wunsch des CEO selbst Einstein entlassen.« Die Absprungbereitschaft ist so groß wie nie. Gibt es also doch ein Leben nach der NZZ ? Zumindest wagt man heute, den Gedanken zu denken.

Die NZZ schreibt auch dieses Jahr rote Zahlen; laut Geschäftsbericht ist der Umsatz des »Geschäftsbereichs NZZ« (Neue Zürcher Zeitung , NZZ am Sonntag und NZZ Online) um 35,1 Millionen Franken eingebrochen. Die Leser halten dem Blatt zwar noch die Treue, doch im Aktionariat tobt ein Kulturkampf. Denn aus den früheren altersmilden Idealisten und liberalen Philanthropen sind hungrige Investoren geworden. Diese sind nicht nur mit der Performance des Unternehmens unzufrieden, sie vermissen auch eine überzeugende Strategie. An der letzten Generalversammlung, früher ausschließlich ein gesellschaftliches Ereignis, probten sie den Aufstand, und es gelang ihnen das Historische. Erstmals in der jüngeren Geschichte der NZZ kam es zu einer regen Debatte. Ein Viertel der Aktionäre verweigerte der Wiederwahl des VR-Präsidenten die Stimme. Die Kritiker drohten damit, an der nächsten Generalversammlung einen eigenen Kandidaten zu präsentieren. Dieses Datum steht nun an. Doch der 17.April mag ins Land ziehen, und es wird Totenstille herrschen. Vorauseilender Gehorsam scheint die Strategie des Verwaltungsratspräsidenten. Er wird drei Kandidaten präsentieren, die die Investoren bereits milde gestimmt haben. Namentlich einer wurde von ihnen persönlich ins Spiel gebracht.

Und damit ist ein maßgeblicher Teil des hausgemachten Problems NZZ benannt: Es ist der Verwaltungsratspräsident Conrad Meyer. Mangelnde Liebe zum Produkt ist der Hauptvorwurf an ihn. Der Verwaltungsrat ist ein lavierendes Organ, das in den vergangenen Jahren seine unternehmerische Strategie mindestens dreimal geändert hat. Seine Gegner werfen dem Präsidenten deshalb vor, keine Ahnung von den Kernkompetenzen der NZZ und keine Vision in einem veränderten Medienumfeld zu haben. Denn noch gefährlicher als die unternehmerische Krise, aus der die NZZ seit den neunziger Jahren keinen Ausgang findet, ist die publizistische. Doch Meyer, Ordinarius für Betriebswirtschaftslehre sowie Direktor des Instituts für Rechnungswesen und Controlling der Universität Zürich, tut was er am besten kann. Und das ist, sagen seine Kritiker, Zahlen zählen.

Auf Druck des Verwaltungsrates ist die Zeitung seit acht Jahren vor allem mit Abbau beschäftigt. Auf das Primat der Publizistik folgt das der industriellen Logik. Und Chefredaktor Markus Spillmann, der Zerrissene, im neuen Führungsmodell faktisch zum Schriftleiter des Blattes ohne Budgetkompetenz degradiert, führt unten aus, was man oben erwartet. So ist man mit vereinten Kräften dabei, die Sünde zu begehen, die zum Tod führen könnte: Man demontiert die Unverwechselbarkeit und die Aushängeschilder der Zeitung, namentlich der Ressorts Ausland und Wirtschaft. Man reduziert das Netz der Auslandskorrespondenten um rund einen Viertel, man schickt die besten Spezialisten in Frühpension. 

Aus Spargründen wurde die 1937 erstmals erschienene »Fernausgabe«, Teil der Reputation der NZZ im Ausland, in billigere Vertriebssysteme eingespeist. Dafür musste der Redaktionsschluss vorverlegt werden. Die Folge ist ein Produkt der Peinlichkeit: Die internationale Ausgabe ist heute oft bloß 24 Seiten dünn und ein Hybrid aus wenig Aktuellem, viel Aufgebackenem vom Vortag und Agenturmeldungen. Spillmann, selbstkritisch geworden, zur Leistungsminderung: »Das macht mir Sorge und ärgert mich.« Inzwischen ist die Verbesserung der internationalen Ausgabe Chefsache. Doch der Reputationsschaden ist passiert. Ein anderes Beispiel: Die NZZ schloss Beilagen, mit denen sie internationale Beachtung fand: so das »Zeitbild« (früher »Wochenende«, gegründet 1938), eine Bastion für große Reportagen im deutschsprachigen Raum. Und man verzichtete auf die weit über Fachkreise hinaus geschätzte »Architektur-Beilage«. Durch die Sparmaßnahmen auf der Redaktion bringt sich die NZZ um Substanz und Glaubwürdigkeit.

Auch aus diesen Gründen hat kürzlich eine der letzten profilierten Stimmen des Hauses gekündigt, das ordnungspolitische Gewissen der Zeitung, der langjährige Wirtschaftschef und stellvertretende Chefredaktor, Gerhard Schwarz. Wenn dieser Traditionalist die Nachzahlungen an die abtretenden UBS-Top-Dogs Peter Kurer und Marcel Rohner als »Mangel an Intelligenz, Sensibilität und Anstand« bezeichnet, so hat die NZZ mit G.S. ein Reverenzurteil gesprochen, das weit über unser Land wirkt. Schwarz wird das Blatt Ende 2010 verlassen. Seine Meinung zur Verfassung der Zeitung, die er drei Jahrzehnte lang geprägt hat: »Mir fehlen die Perspektiven für einen beseelten Journalismus.«

Seele? Wo sitzt die? Im Herzen oder im Hirn? Oder doch am Gesäß, im Geldbeutel? Unternehmerisch hat die NZZ in den vergangenen zwei Jahrzehnten mehr falsch als richtig gemacht, krisenungewohnt und panisch. Im Übrigen gilt das Gesetz der Schwerkraft: Erfolg macht schläfrig. Nicht zu übersehen ist aber auch: Die Krise der NZZ ist auch die Krise der FDP, ein Symptom der Selbstüberschätzung, vergleichbar mit der Swissair .

Man muss, um zu verstehen, in die Geschichte blicken. Das Blatt, ein Produkt der Zürcher Aufklärung, hat vor allem durch ihren ausführlichen Auslandteil Weltachtung erhalten. Schon im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71, dann vor allem im Ersten Weltkrieg, wurde die NZZ wegen ihrer unparteiischen Objektivität über die Grenzen hinaus bekannt. Prestige erlangte sie, indem sie nicht nur die Bolschewisten kompromisslos ablehnte, sondern auch die Faschisten sowie Hitlers Nazi-Bewegung. 1933, als die Judenverfolgung erst am Anfang stand, mahnte die NZZ , dass »ein Volk, das gegen Verbrechen an der Menschenwürde nicht mehr seine Stimme erhebt, sich zum moralischen Mitschuldigen macht«. Acht Monate später wurde die Zeitung im Deutschen Reich verboten.

Im Inland aber war die NZZ seit je das Blatt des Freisinns, der einst visionären Partei, die den Bundesstaat gegründet und im Alleingang regiert hatte. Gemäß Statuten muss sich, bis heute, ein NZZ- Aktionär »zur freisinnigen Partei bekennen«. Eine Mitgliedschaft war bis Ende der neunziger Jahre sogar Voraussetzung. Die personelle Verflechtung von Partei und Zeitung war lange Zeit stark, mit Chefredaktor Albert Meyer (1915 bis 1930) stellte die NZZ gar einen Bundesrat. Redaktoren saßen gewohnheitsmäßig im städtischen und im nationalen Parlament, und noch 2001 durfte der Leiter des Lokalressorts, das die Zürcher Politik kommentiert, für die FDP im Kantonsrat politisieren. 

Die Nähe zur Partei wurde der Zeitung jedoch spätestens mit dem Grounding der Swissair und ihrer freisinnigen Bruchpiloten zum Verhängnis. Am Konkretesten in der Figur ihres VR-Präsidenten, Eric Honegger, der auch im Verwaltungsrat der Fluggesellschaft saß. Einen Imageschaden für die Zeitung befürchtend, wurde Honegger zum Rücktritt aufgefordert. Das Ergebnis: Conrad Meyer. Der Vize kam zur Verantwortung wie die Jungfrau zum Kind. Doch in der Krise war aus dem Ehrenamt eine unternehmerische Aufgabe geworden.

Was dann geschah, erklären Insider wie folgt: Hugo Bütler, korrekt, konservativ, war ein auf Tradition pochender, bewahrender Chefredaktor. Ein katholischer Bauernsohn, der früh den Vater verlor, aufgewachsen in einem Luzerner Dorf. Auf Stil und Form bedacht, hatte er sich in eigener Leistung den Gestus von altem Adel anerzogen. Doch als in den neunziger Jahren die Tageszeitung zur multimedialen Mediengruppe explodierte, war Haltung obsolet geworden, gefragt war nun die Tat. Damit war Bütler überfordert. Bis Meyer diese Tatsache erkannte, dauerte es. Doch als er sogar von seinen Freunden im Rotary Club Schelte bekam dafür, dass die NZZ- Aktie von 250.000 auf 50.000 Franken eingebrochen war, verlor er die Nerven: Er verordnete dem Unternehmen eine Führungsstruktur, die in allem das Gegenteil davon ist, was in der NZZ in den vergangenen 220 Jahren Tradition hatte. Er setzte einen CEO ein, der früher für die Tamedia arbeitete und das Unternehmen, naturgemäß, aus betriebswirtschaftlicher Optik führt. Der VR hat das eine Extrem, eine kollektive Lenkung durch drei Personen (mit Vetorecht des Chefredaktors), durch ein anderes Extrem abgelöst.

Wer Conrad Meyer nach seinem Leistungsausweis der letzten acht Jahre fragt, erhält die Antwort: »Es ist mein ständiges Bestreben, dass wir den Spagat schaffen, unserer Mediengruppe genügend Mittel zur Verfügung zu stellen, damit sie ihre qualitative Höchstleistung erhalten kann. Und gleichzeitig wollen wir den Aktionären beweisen, dass hochwertige Leistungen auch einen Ertrag abwerfen.« Die Mediengruppe und die Rendite also sind die relevanten Themen. Und der millionenteure Ausbau und die Zentralisierung des Onlinebereichs der Gruppe.

Doch wer investiert, geistig und ökonomisch, in die NZZ? Wer leistet hier die unternehmerische Aufbauarbeit? Meyers Einschätzung geht synchron mit jener des Buhmanns der Stunde, des CEOs Albert P. Stäheli. Mit Blick auf die Bilanzen gilt auch sein erstes Interesse der Mediengruppe. Denn sein Glaube an die NZZ hält sich in Grenzen: »Eine NZZ als stand alone product hätte eine schwierige Zukunft.«

Ist die NZZ tatsächlich nicht mehr als ein Produkt? Und, wäre sie bloß noch durch das Prinzip Hoffnung zu retten? Nein, sagen Kenner. »Wenn man davon ausgeht, dass die Neue Zürcher Zeitung eine politische und eine kulturelle Leistung ist, müssten sich doch Menschen finden lassen, die sich diese Stimme leisten wollen, denen diese Stimme etwas wert ist.« Das sagt Noch-Wirtschaftschef Gerhard Schwarz, und er spricht damit die Idee einer Stiftung an. Sie könnte Teile des Korrespondentennetzes finanzieren oder einen bestimmten Bund innerhalb der Zeitung. Der Markt im Wirtschaftsjournalismus sei auf jeden Fall noch besser auszuschöpfen; und dazu wäre die Marke NZZ auch heute noch das beste Verkaufsargument. Andere denken sogar einen Schritt weiter. Wieso nicht die Zeitung aus der NZZ -Gruppe herauslösen? Man könnte sie dann leichter in einem sogenannten Premium-Segment positionieren, erstens. Und zweitens wäre damit auch der Zugang zum Kapital von Stiftungen und Mäzenen einfacher.

Wer entwickelt die mutige Strategie und stärkt die NZZ wieder? Autorität Schwarz geht in acht Monaten. Und Chefredaktor Spillmann, als Oberst nicht der Mann, der Befehle verweigert, ist per Leistungsauftrag immobilisiert. Wird der 17. April, wird die Generalversammlung eine Wende bringen? Wer auf die neuen Verwaltungsräte hofft, muss mit dem alten Präsidenten rechnen. Nimmt Meyer das Gremium sofort in seinen Griff oder lässt er Dynamik zu? Rettet die NZZ, solange sie diesen Namen noch verdient!