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Als die deutsche Luftwaffe ihren Nimbus verlor

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28. Juli 2010, 11:06, NZZ Online

Als die deutsche Luftwaffe ihren Nimbus verlor

In der Luftschlacht um England waren die Briten klar im Vorteil

Die Spitfire erwies sich der Me 109 als ebenbürtig.
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Die Spitfire erwies sich der Me 109 als ebenbürtig. (Bild: NZZ/Christian Beutler)
Die Luftschlacht um England ist heute wichtiger Bestandteil der britischen Geschichte. Im Sommer 1940 besiegte die zahlenmässig schwächere Royal Air Force die deutsche Luftwaffe nicht zuletzt dank einer professionellen Logistik.

Von Urs Holderegger

Vor 70 Jahren tobte am Himmel über Südengland eine der erbittertsten Luftschlachten des zweiten Weltkrieges. Junge, kaum 20-jährige britische Piloten kämpften in ihren Hurricanes und Spitfires gegen ihre oft gleichaltrigen deutschen Gegner. Die «Battle of Britain» ist heute Teil der englischen Geschichte, Churchills «the few» sind nach 70 Jahren fast zu einem Mythos entrückt.

Es ist unbestritten, dass in der Luftschlacht um England die Nazi-Luftwaffe nach ihrem triumphalen Siegen über die schwache polnische Luftwaffe 1939 und die desorientierten französischen Luftstreitkräfte zum ersten Mal eine deutliche Niederlage erlitten hatte. Die grossmäuligen Ankündigungen des deutschen Reichsmarschalls Hermann Göring, die Luftwaffe werde die Royal Air Force (RAF) in wenigen Wochen am Boden und in der Luft vernichten, hatten sich als reines Wunschdenken herausgestellt.

Rückblickend kann gesagt werden, dass die Luftschlacht um England für die Deutschen schon verloren war, bevor der zweite Weltkrieg überhaupt begonnen hatte. Görings Luftwaffe flösste zwar zu Beginn des Krieges ihren Gegnern Angst und Schrecken ein, war strategisch gesehen aber mehr ein Unterstützungsmittel der Wehrmacht im Blitzkriegkonzept der deutschen Generäle. So verfügte die Luftwaffe über keine grossen strategischen Bomber und eine eher kleine Jagdwaffe, die aber mit der Messerschmitt Bf109 hervorragend ausgerüstet war.

Radar und Doppelstrategie

Die Briten hatten dagegen schon frühzeitig erkannt, dass die RAF in einem künftigen Krieg zwei Aufgaben lösen musste: die Verteidigung der britischen Inseln mit einer schlagkräftigen Jagdwaffe und die gleichzeitige Niederringung eines Gegners mit einer strategischen Bomberflotte. Für die Verteidigung konnten die Briten nicht nur auf zwei Jagdflugzeugtypen zählen, die den Vergleich mit der Me 109 nicht scheuen mussten, die Supermarine Spitfire und die Hawker Hurricane. Hinzu kam ein stetig ausgebautes Netz von Radaranlagen, verknüpft mit einem dichten Informationsnetz, dass es den Briten ermöglichte, die Luftschlacht vom Boden aus zu kontrollieren.

Eine noch flugtüchtige Hawker Hurricane bei der Landung.
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Die Luftschlacht um England verlief in mehreren Phasen. Zuerst beschränkten sich die Deutschen auf Angriffe auf Konvois im Ärmelkanal. Dann folgten der Versuch, das britische Radarnetz auszuschalten und die Flugplätze des «Fighter Command» zu zerstören. Nach Bombenangriffe auf Industrieanlagen und Ziele im Landesinnern folgte die Bombardierung Londons, die heute noch im Bewusstsein vieler Engländer als «The Blitz» tief verankert ist. Spätestens hier zeigte sich die Schwäche des deutschen Bomberkonzepts, das von schnellen und mittelschweren zweimotorigen Bombern ausging. In der letzten Phase der Luftschlacht beschränkte sich die Luftwaffe zunehmend auf Nachtangriffe. 

Höhere britische Produktionszahlen  

Einen wichtigen Aspekt hat der Direktor des Londoner Royal Air Force Museums, Peter J. Dye, unlängst in einem Artikel in der Fachzeitschrift «Aeroplane monthly» näher beleuchtet. Zwar waren zu Beginn der Luftschlacht die Briten zahlenmässig der Luftwaffe im Verhältnis 3 : 1 unterlegen. Anders sah die Situation aber bei den Jagdflugzeugen aus. Während die britische Produktion auf Hochtouren lief, hatten die Deutschen die Produktion von Jagdflugzeugen 1940 gedrosselt, da man sich fatalerweise bereits im Besitz der Lufthoheit über ganz Europa wähnte. Im Jahr 1940 wurden auf britischer Seite 4'238 moderne Jagdflugzeuge hergestellt, während in Deutschland lediglich 1'870 Messerschmitts die Werkhallen verliessen.

Die Me 109, hier als spanischer Lizenzbau, war 1940 der Standardjäger der Luftwaffe.
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Obwohl die britischen Verluste an Jagdflugzeugen deutlich höher waren als die der Deutschen, wuchs das «Fighter Command» während der Luftschlacht, während die Deutschen immer schwächer wurden. Dies hing nicht nur mit der Neuproduktion zusammen, sondern auch mit der Reparatur von Flugzeugen, wo die Briten eine deutlich verbesserte Organisation aufgebaut hatten. Bereits vor dem Krieg hatte die RAF erkannt, dass diese Aufgabe einer zivilen Organisation übertragen werden musste. Rund 40 Prozent der Jagdflugzeuge, die während der Luftschlacht an die Staffeln ausgeliefert wurden, stammten aus den Reparaturwerkstätten. Die Luftwaffe, die auf ihren vorgeschobenen Stützpunkten in Frankreich stationiert war, musste die Wartung ihrer Flugzeuge entweder dort verrichten oder die schwerer beschädigten Maschinen per Strasse und Bahn nach Deutschland zurückschicken.

Ausbildung von Piloten forciert

Hinzu kam, dass die Briten die Ausbildung neuer Jagdpiloten stärker forcierten als die Deutschen. Im August, als die Luftwaffe ihre Angriffe verstärkten, litten die Briten zwar unter einem Mangel an Piloten, und die Männer der Frontstaffeln, die zum Teil fünf bis sechs Einsätze am Tag flogen, waren von einem konstanten Erschöpfungsgrad geprägt. Im September stiessen aber 250 neue, wenn auch unerfahrene Piloten, zu den Frontstaffeln, während sich bei der Luftwaffe die Zahl der Jagdpiloten immer mehr verringerte. Erschwerend für die Luftwaffe war, dass sie entweder über dem Kanal oder über feindlichem Territorium kämpfte. Abgeschossene Piloten, die sich mit dem Fallschirm retten konnten, landeten in der Kriegsgefangenschaft, während ihre englischen Gegner in diesem Fall am nächsten Tag wieder im Einsatz standen.

Neues Wahrzeichen von London

Die «Battle of Britain» ist in Grossbritannien auch nach 70 Jahren nicht in Vergessenheit geraten. Zwar leben immer weniger Zeitzeugen oder Beteiligte, die Spitfires und Hurricanes sind aber auch im Sommer 2010 die Stars an unzähligen Flugtagen. Beim Londoner RAF Museum Hendon wurde diesen Frühling die Pläne für einen der ambitioniertesten Museumsbauten vorgestellt, den «Battle of Britain Beacon».  Der elegant geschwungene Turm soll dereinst ein neues Wahrzeichen Londons werden, und auch spätere Generationen an den Kampf erinnern, der möglicherweise eine Invasion Englands und damit die Vorherrschaft Nazi-Deutschlands verhindert hat.