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Des Nachts, auf dem bösen Weg

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Des Nachts, auf dem bösen Weg

Text: Franz Bamert, Fotos: Yannick Andrea

Über Jahrtausende forderte die Viamala bei Thusis ihre Opfer. Heute ist die Schlucht nicht mehr jener «böse Weg», sondern schön. Schaurig schön. Besonders im Zwielicht.

Nur ja nicht hinaufschauen. Und hinunter auch nicht. Weit, weit oben scheinen die hohen Felswände im Nachthimmel über der Viamala zu wanken, unendlich tief unten in der dunklen Schlucht faucht der Rhein. Und dazwischen bewegen sich seit Jahrtausenden kleine Menschlein. Huren und Heilige, Pilger und Krieger, Händler und Dichter sind durch diese Schlucht bei Thusis GR gezogen und haben sich vor den Naturgewalten gefürchtet.

Auch in dieser warmen Sommernachtsind einige Menschen in diesem Nadelöhr zwischen Nord- und Südeuropa unterwegs. Aber freiwillig und ohne Angst. Der Ein-heimische Erwin Dirnberger führt sie durch die Geschichte des «Schlechten Wegs» und lässt die Geschichten wieder auferstehen, die sich hier abgespielt haben. Als Postillon und Forscher, als Soldat und Bauer, als Dichter oder Tourismusdirektor begleitet er seine Gäste in zwei Stunden durch Jahrtausende. Er zitiert Nietzsche und einen einheimischen Bauernbub, lässt den Mord eines Pfarrers an seiner Geliebten nochmals geschehen oder zeichnet das Bild des römischen Feldherrn Stilicho, der seine Männer durch die Schlucht trieb.

Dirnberger hat nicht nur die entsprechenden Kostümeund das Wissen über die Schlucht, er hat vor allem Herzblut für «seine» Schlucht. Und auf einmal meint man tatsächlich die wiehernden Saumpferde abstürzen zu sehen. Plötzlich hört man das Horn des Postillons, langsam wird Vergangenheit gegenwärtig. Wenn dann noch die Sterne über dem Tal einer nach dem anderen zu leuchten beginnen, ein einsamer Pilger mit der Laterne auftaucht und gegen die Furcht anbetet, dann läuft es den meisten Teilnehmern kalt über den Rücken. Dagegen hilft heisser Tee, der mit hausgemachten «Totenbeinli», einem Nussgebäck, kredenzt wird.

Die Ängste früherer Generationensind heute nicht mehr angebracht. Die Wege sind sicher und Dirnberger führt seine Gäste nicht in gefährliches Gelände. Man kann die Erzählungen des Einheimischen natürlich als längst vergangene Geschichten abtun. Doch manchmal hört man seltsame Geräusche: Einige sagen, das seien das Wasser und der Wind. Andere hingegen sind überzeugt, dass die klagenden Laute von den Geistern jener stammen, die in der Viamala abgestürzt sind. Wenn der Mond die hohen Felswände in ein fahles Licht hüllt und die verwitterten Tannen unheimliche Schatten werfen, sind selbst nüchtern denkende Menschen nicht mehr ganz sicher, was jetzt stimmt.

Viamala Notte - Das müssen Sie wissen

Die Nachtführung unter dem Titel Viamala Notte beginnt um 19.45 Uhr mit einer Postautofahrt beim Bahnhof Thusis und dauert rund zwei Stunden. Kosten: 39 Franken pro Person. Anmeldung erforderlich, da die Anzahl der Plätze beschränkt ist. Individuelle Sonderaufführungen sind für Gruppen auf Voranmeldung möglich. Durchführungsdaten und weitere Informationen: info@viamala.ch, Tel. 081 651 11 34 oder unter: www.viamala.ch

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